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Predigt in der Osternacht 2012
zu den Lesungen Gen 2,1-2,2; Ex 14,15-15,1 und Mk 16,1-8
und zum „Schöpfungszyklus Genesis“ von Gerald Leibl

Liebe Schwestern, liebe Brüder.
Beim Blick nach vorn in den Altarraum sticht heute Morgen freilich zu allererst die Osterkerze mit ihrem farbenfrohem Regenbogen-Motiv ins Auge, auffällig sind endlich auch wieder die vielen Blumen, nach der tristen Atmosphäre währen der Fastenzeit, freilich fällt das bunte Bild, der „Schöpfungszyklus Genesis“ auf, der seit Aschermittwoch in der Kirche hängt, und im Besonderen findet das große Bild in Form einer Stele neben der Osterkerze unser Interesse.
Ostern 2012

„Schöpfungszyklus Genesis“ – Dieser war quasi unser Hungertuch während der Fastenzeit in diesem Jahr. Der gemalte Schöpfungszyklus aus der Hand von Gerald Leibl hat uns an das Wunderbare der Schöpfung erinnert, daran, dass hinter allem letztlich Gott steht, dass die Schöpfung verletzlich ist und mit ihrer Verletzlichkeit uns Menschen überantwortet wurde.
Gabe und Aufgabe.
Es lohnte und lohnt sich, darüber nachzudenken!

Das große Bild ist freilich der Kommentar in Farben und Formen zur ersten alttestamentlichen Lesung dieser Nacht.
„Die Erde war wüst und leer, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.“ – so setzte die Lesung, so setzt das Buch Genesis, so setzt die Bibel überhaupt ein.
„Tohuwabohu“ ist der hebräische Begriff für „wüst und leer“. Manche verwenden das Wort in ihrer Umgangssprache.
Was tut, der biblischen Lesung aus dem Buch Genesis folgend, der Schöpfergott?
Er greift ordnend ein:

  • Der Schöpfergott ordnet die Zeit, indem er das Licht macht und dieses sich mit der Finsternis abwechseln lässt.
  • Dem Chaoswasser gebietet der Schöpfer Einhalt. Er schafft so Lebensräume.
  • Der toten Erde haucht er Leben ein. Auf ihr wächst nun junges Grün – und vieles andere mehr. So kann die Erde bevölkert werden durch die Tiere, im Wasser, in der Luft und auf dem Land, und durch uns Menschen.

Alles ist in Ordnung.
Ostern 2012

Immer wieder stellt der Schöpfungsbericht fest:
„Gott sah, dass es gut war!“
Über alles legt also Gott seinen Segen, heißt er es gut.

Von dieser gutgeheißenen Schöpfung künden farbenfroh und optimistisch die Bilder des Schöpfungszyklus:

  • Der feurige Lichtkörper verdrängt die Finsternis,
  • das Wasser gerät in Bewegung und gibt Gewölbeformen frei,
  • aus der so entstanden Erde treiben Samen Früchte nach oben,
  • Sonne und Mond stehen als Himmelkörper am Firmament und lassen sich die verschiedenen Zeiten abwechseln,
  • aus kraftvollen Bewegungen bringt die Erde Leben hervor,
  • und im letzten Bild des Bilderzyklus – unter dem Regenbogen – eine Keimzelle, aus der sich menschliches Leben ergibt, eine Lebensspirale.

Welch Wunder, diese Schöpfung, geordnet vom Schöpfergott, der durch und durch das Leben will, und der so das Leben ermöglicht! – so lautet die Überzeugung, die Glaubensüberzeugung, die hinter dieser anschaulichen biblischen Schilderung steht:
Keine wissenschaftliche Erklärung für alles Sein, wohl aber eine Glaubensdeutung für alles, was ist.

Wer seit Palmsonntag in die Kirche kam, der musste feststellen: Der Schöpfungszyklus ist verhüllt. Weiße und dunkle Tücher ließen nur erahnen, was auf den Leinwänden gezeigt wird.
„Die Schöpfung verhüllt…“
„Mit Dunkelheit umfangen…“
„Hinter einem Schleier verborgen…“
Sprachspiele, die mit dem zu tun haben, worauf wir in der Karwoche geblickt haben, und was zugleich verschiedenen menschlichen Lebensrealitäten entspricht: dass eben das Wohlgeordnete aus den Fugen gerät:

  • durch himmelschreiende Naturkatastrophen,
  • durch zur Neige gehende Ressourcen, die die Erde bereit hält,
  • durch die Verletzlichkeit, die Gottes Schöpfung zeigt,
  • durch die von Menschen zu verantwortende Ungerechtigkeit, die eine Minderheit zu Gewinnern und eine Mehrheit zu Verlierern der Zivilisation macht,
  • durch Konflikte und gewaltsame  Auseinandersetzungen, im Großen wie im Kleinen, die Menschen in Angst und Schrecken und Lebensnot jagen.

Das, was von Gott gut geheißen wird, ist fragil, oft genug rätselhaft, zeigt sich auch verschleiert, ist durchaus scheinbarer Willkür unterworfen.

Diesen bitteren Erfahrungen, die Menschen in unterschiedlicher Weise machen, stellt sich die Bibel in mannigfacher Weise. Unüberbietbar eindrucksvoll die Erzählung aus dem Buch Exodus: Israels Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens; der Durchzug Israels durchs Rote Meer. In keiner Osternachtfeier darf diese Lesung fehlen!
Sie kündet vom Lebensgott, der unbedingt die Freiheit will, damit seine Kinder sich entfalten können, damit für sie das Leben wieder gut ist. Wer meint, andere kleinhalten und ihrer Lebensmöglichkeiten berauben zu können, wird eindeutig zurechtgewiesen:
Gott will für jede und jeden Lebenschancen!
Keine und keiner hat das Recht, diese anderen zu verwehren!
Ein politischer Gott, der deutlich seinen Sandpunkt vertritt, und der vehement Gerechtigkeit erstreitet, mit durchaus irritierenden Mitteln.
Ostern 2012

Das ist nur ein Beispiel für den Standpunkt Gottes angesichts der Fragilität und der Unwägbarkeiten in seiner Schöpfung, angesichts der Sorge und der Nöte, die Menschen quälten und quälen, bis auf den heutigen Tag.

Und nun ist es in dieser Nacht wieder angebrochen, das Fest von der Fortsetzung der göttlichen Schöpfung:
Es werde neues Leben! – so der Ruf, der über dem steht, was wir an Ostern feiern.
Denn eine Frage stand und steht weiterhin im Raum:

  • Es war und ist die Frage nach dem „Wieso“ der Vergänglichkeit,
  • der Tatsache, dass alles Leben einem Ende entgegen geht,
  • dass so manche Erfahrung von Leid und Ungerechtigkeit, so manches Ungute hier nicht ins Lot gebracht und rechtfertigt werden kann.

Das schmerzt unter Umständen tief, reißt nicht verheilende Wunden, lässt bedrängende Frage offen. Sehnsucht nach endgültiger Erlösung – nennen wir dieses Suchen.

Die Geschichte Gottes geht weiter – in und mit Jesus, der durch sein Leben, sein Reden und Handeln wieder neu und eindrucksvoll vom Schöpfergott Zeugnis gibt – und mit dem Gott Großes und zugleich Erschütterndes vor hat.
Gründonnerstag und Karfreitag und Karsamstag als Tag der Grabesruhe liegen hinter uns –Tage, die uns an Jesu Weg aus dem Leben in den Tod erinnert haben; ein Tod, der auch für alle nicht beantwortete Not von uns Menschen steht, für alles Ungute und Unfertige, das uns umtreibt und erschüttert.

In eben einer solchen Erschütterung zutiefst gefangen, kommen am Ostermorgen drei Frauen zum Grab Jesu, so die letzte der biblischen Geschichten in dieser Osternacht.
Wie kein anderer der Evangelisten erzählt Markus von Verzweiflung, Angst, Schrecken und großer Verunsicherung bei denen, die zum Grab Jesu treten. Auch, als sich den Frauen der weißgekleidete Bote zuwendet, als er ihnen sagt und erklärt, dass der totgemeinte Jesus lebt, können sie dieses einfach nicht fassen. Das vorläufige Ende des Evangeliums lautet:

„Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand etwas davon; denn sie fürchteten sich.“

Es braucht scheinbar Zeit, es braucht offensichtlich weitere Erzählungen von Ostern, es braucht vermutlich ganz persönliche gute Lebenserfahrungen, bis die Frauen für sich erfassen können:
Der Gott, der hinter allem Leben steht, der Lebensraum und Lebenszeit ordnet, dieser Gott will das Leben nie und nimmer zu Ende gehen lassen.

Seine Schöpfung geht weiter!
Ostern 2012

Die Osterkerze mit dem Bundeszeichen Regenbogen kündet von dieser Botschaft – und neben ihr ein weiteres Bild, ein siebentes Bild, eine Fortsetzung dessen, was bisher war:
Eine aufgerichtet Stele, auf der wie im Zeitraffer Farben und Motive des Schöpfungszyklus wieder auftauchen, neben dem Farbenfrohem unten auch das Dunkle, das ins Leben unweigerlich hineinspielt, und ganz oben – quasi als Interpretation fürs Leuchten des Lichtes der Osterkerze – die Farben des Regenbogens, ein Regenbogen der gegen jede Regel streng Richtung Himmel weist, von wo aus wieder neu etwas zu erwarten ist:

Leben.

 

Matthias Bambynek
Pfarrer in Bubenreuth