Aktuelles | Was ist, wenn ... | Gottesdienste | Einrichtungen | Gruppen | Glaube | Kirchen | Kontakt
Boxbild
  Druckversion   Seite versenden

Karfreitag 2012
Predigt zur Passionserzählung nach Johannes am Karfreitag 2012


„Seht, da ist der Mensch!“
So lautet der ganz und gar nüchterne Hinweis, mit dem Pilatus das Hinausführen Jesu vor die versammelten Menschen kommentiert.
Bei aller Nüchternheit ist er zugleich einer der erschütterndsten Feststellungen in der Passionsgeschichte nach Johannes.
Vorgeführt wird der gefesselte, durch Geißelung geschundene, mit Dornen und Purpurmantel als König verhöhnte, bis auf die Knochen verwundete und blutüberströmte Jesus.
„Seht, da ist der Mensch!“
Dann steht sie da, diese elende Erscheinung eines „Menschen“, ein Opfer missbrauchter Macht und sadistischer Rohheit, diese Karikatur eines Königs. Die „Krone der Schöpfung“ wird auf ihrem Tiefpunkt spöttischer Anschauung preisgegeben.
Widerlich.
Perfide.
Unfassbar.
Für unsere Ohren und Augen ein abstoßendes Spektakel.

Diese und andere Szenen der Passion sind ein Grund dafür, dass sich einige schwer tun, am Karfreitag zur Kirche zu gehen und die Liturgie mit zu feiern. Nicht nur die Atmosphäre im leergeräumten Kirchenraum ist beklemmend. Nicht nur die Stimmung im Gottesdienst – ganz ohne Orgel und ohne die sonst üblichen Riten und Gesänge – wirkt bedrückend.
Vor allem diese Erzählungen von roher Gewalt, grenzenloser Niedertracht, von qualvollem Sterben und unverschuldetem Tod sind so provozierend, dass sich in einigen schlicht Scheu auftut, sich dem allen auszusetzen.
Dem Karfreitag wird durchaus mit Distanz begegnet.
Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass sich in uns beim Hören der Passionsgeschichte innere Bilder bewegen, die mit Filmen oder Darstellungen zu tun haben, die wir irgendwann einmal gesehen haben: im Fernsehen, im Kino, in Museen oder Zeitschriften.
Dann hören und sehen und erleben wir die Passion am Karfreitag sehr plastisch mit.
Das, was in uns ist, können wir nicht einfach vergessen machen oder zur Seite schieben.

Genau so wenig auch all das, was mit eigenen Verwundungen und Leiderfahrungen zu tun hat. Wer innerlich die Passion Jesu mit vollzieht, stößt auch wieder auf die selber gegangenen Passionswege. Vielleicht erinnern auch sie sich an Zeiten, in denen sie mit Schmerzen, Ängsten, Nöten oder Begegnungen mit Sterben und Tod konfrontiert wurden. Unter Umständen brechen jetzt, in dieser Stunde, in ihnen die finsteren Realitäten ihrer Gegenwart wieder neu auf.

Ja, wir kennen das alles, manches zur Genüge:
Das Leid Jesu und unsere eigenen Verwundungen.

  • Warum sollen wir uns wieder darauf einlassen, in all das emotional tiefer einzusteigen?
    Karfreitag 2012
  • Wozu?

Alle vier Evangelisten berichten ausführlich von der Passion Jesu. Auffällig sind die vielen Übereinstimmungen zwischen den vier Passionsberichten; teils sogar im Detail.
Dennoch: Jeder Evangelist folgt sowohl in seinem Evangelium als Ganzem als auch in der Passionserzählung im Konkreten je eigenen Aussageabsichten und theologischen Vorstellungen.
Während die Passionserzählungen am Palmsonntag zwischen den drei synoptischen Evangelien Markus, Matthäus und Lukas alternieren, hören wir in der Liturgie am Karfreitag jedes Jahr aufs Neue die Passionserzählung nach Johannes:
Der Evangelist, der am Beginn seines Evangeliums, im Prolog, vom Logos kündet; der von der großen Idee Gottes singt, die in Jesus Fleisch wurde, einer von uns Menschen, um in unserer Mitte die Herrlichkeit Gottes aufleuchten zu lassen, von Gott zu künden, uns über und über mit Gnade zu beschenken.
Alles, was in eindrucksvollen Worten am Anfang des Johannesevangeliums im Prolog grundgelegt wird, vollzieht sich Kapitel für Kapitel in dem, wie Jesus lebt, was er sagt und tut. In allem verfolgt er den Sendungsauftrag seines Vaters. Dafür kam er auf Erden, dafür wirkt er hier, dafür wird er zurückkehren zum Vater.

Ganz in diesem Sinne schildert der Evangelist Johannes nun auch, wie Jesus seinen Leidensweg geht: Ganz und gar der Souverän, ganz und gar der, der sich am Willen des Vaters, an seinem Auftrag orientiert, und ihn zu erfüllen sucht, ganz und gar der, der selbst die weltlich Mächtigen im Prozess gegen ihn beschämt und der so auf seine eigene göttliche Größe verweist.

In vielen Details seiner Passionsschilderung lässt Johannes diese Anliegen hervor treten, teils in deutlichem Kontrast zu den drei anderen Evangelien:

  • Johannes erzählt, dass sich Jesus bereitwillig gefangen und abführen lässt. Er hätte jede Möglichkeit, sich dem zu entziehen.
  • Der Evangelist Johannes lässt Pilatus im Verhör letztlich als Verlierer dastehen – überlistet durch die Genialität der Argumente Jesu. Freilich zwingt Pilatus weltliche Macht Jesus ans Kreuz.
  • Aber selbst dieses nimmt er bereitwillig auf sich, um den Weg zur Hinrichtungsstätte auf Golgatha zu gehen.
  • Am Kreuz hängend ist es schließlich Jesus selber, der seinen Geist seinem Vater überantwortet.
  • Es heißt, nachdem er alles vollbracht hat, neigt er sein Haupt, ohne jeden Aufschrei.

Erhöht am Kreuzesthron, den göttlichen Auftrag erfüllend, übergibt er sich in die Hände dessen, der ihn gesandt hatte.
Hohe Theologie, die versucht zu deuten, was für uns letztlich nicht begreifbar ist!
Karfreitag 2012

Gerade in dieser Schilderung des Unsagbaren aber verbirgt sich eine im wahrsten Sinne des Wortes aufrichtende Botschaft für uns. Wie Johannes vom brutalen Ende Jesu erzählt, eröffnet er einen neuen Blick auf all jene, die wie Jesus Leiden und Qualen zu erdulden haben:

  • im Sinne seelischer Qualen aufgrund von Enttäuschungen, Entwürdigungen, depressiver Erkrankungen
  • im Sinne körperlicher Qualen aufgrund eines Unfalls, von Krankheiten oder Verletzungen
  • im Sinne vom Leiden durch oder an Mitmenschen, durch Ungerechtigkeit und Niedertracht
  • im Sinne von Erfahrungen der Schwäche, des stetig Weniger-Werdens, des Sterbens, des Todes

Mit Blick auf das siegreich aufgerichtete Kreuz Jesu in der Johannes-Passion braucht sich kein Leidender verstecken, muss sie oder er sich nicht des eigenen Leids wegen beschämt verkriechen. Niemand, der in Not geraten ist, braucht sich der zynischen Trivialisierung seines Leidens unterwerfen, dazu mahnt das Passions-Evangelium.

  • Das Kreuz Jesu zieht jedes Haupt nach oben!
  • Jesu souveränes Sterben am Kreuz verleiht in den Augen Gottes jedem Leidenden seine ihm eigene Würde!
  • Jede und jeder, die oder der sich in Jesu Leiderfahrung selber wieder entdeckt, kann sich von ihm würdevoll aufrichten lassen!

Liebe Schwestern, liebe Brüder, auf den Stufen vor dem Altar liegen der Osterkerzenleuchter und die Osterkerzen vergangener Jahre. Gestern, in der Liturgie des Gründonnerstags, haben wir u.a. die Enttäuschungen zum Thema gemacht, die Menschen trotz der alljährlichen Osterfeiern einfahren. Wir haben uns an jene Menschen erinnert, die mit ihren bitteren Schicksalen zu ringen haben.
Später in dieser Feier werden einige aus unserer Mitte das große Kreuz für die Kreuzverehrung nach vorn tragen.
Es wird aufgerichtet aufgestellt werden inmitten des liegenden Osterkerzenleuchters und der alten Osterkerzen.

Aufgerichtet aufgestellt,
orientiert an der Frohen Botschaft dieses bedrückenden Tages…

 

Matthias Bambynek
Pfarrer in Bubenreuth