Aktuelles | Was ist, wenn ... | Gottesdienste | Einrichtungen | Gruppen | Glaube | Kirchen | Kontakt
Boxbild
  Druckversion   Seite versenden

Predigt am Gründonnerstag 2012
zu den drei biblischen Lesungen Ex 12,1-8.11-14; 1 Kor 11,23-26 und Joh 13,1-15

Liebe Schwestern, liebe Brüder.

  • „Du schaffst das schon!“ – wer kennt es nicht, das innere Aufatmen, wenn man einen solchen Zuspruch erhält: vor einer Probe, vor einer Prüfung oder vor einem wichtigen Gespräch?
  • Wie angenehm klingt es, von einem lieben Menschen wieder zu hören, dass ich geliebt, dass ich gemocht, dass ich akzeptiert bin, so wie ich bin.
  • Wie hilfreich ist es, gesagt zu bekommen: „Du bist nicht allein! Wir packen das gemeinsam an! Auf mich kannst du dich verlassen!“ – Dann lässt sich ein herausforderndes Projekt einfach leichter angehen und schultern.

Jede und jeder von uns weiß um diese Sehnsucht, spürt dieses Bedürfnis tief in sich, Bestätigung zu erfahren:

  • Ja, ich setze auf dich und ich traue dir etwas zu!
  • Ja, ich mag dich, ich liebe dich, ich stehe zu dir!
  • Ja, ich bleibe an deiner Seite, ich werde mit dir gehen!

Diese Sehnsucht ist in manchen von uns vielleicht sogar sehr groß, weil wir eben auch den Zweifel kennen.
Und der Zweifel kommt nicht von irgendwo her – er wird entfacht durch Enttäuschungen:

  • Dass man eben schon versagt hat und den eigenen hohen Erwartungen nicht entsprechen konnte,
  • dass man leider schon einmal von einem lieben Menschen, dem man vertraute, jäh im Stich gelassen wurde,
  • dass man sich einsam und verlassen fühlen musste, trotz einst gehörter Zusicherungen und Versprechungen.

Eben weil in uns – durch unsere Lebensgeschichten mit ihren bitteren Erfahrungen – auch der Zweifel genährt wird und nagt, sehnen wir uns nach Worten und Zeichen der Zusicherung, der Zuwendung, der Bestätigung.
Mit dieser Auslotung im Hinterkopf, wird das Geschehen, das am Gründonnerstag in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen gerät, umso plastischer, auch umso dramatischer:

  • Da findet sich Jesus mit seinen Freunden zusammen, um zu feiern, und er erahnt bereits die Niedertracht des Verrats, der wenige Stunden später folgen wird.
  • Für so viel Geniales steht Jesus. Davon hat er bisher erzählt und dafür hat er sich selbstlos eingesetzt. Bei all dem hat ihn seine Jüngerschaft begleitet. Nun muss er erleben, dass sie ihn scheinbar nicht verstehen können oder nicht verstehen wollen: Die Füße waschen, er an uns?
  • Er bittet später im Garten Getsemani seine engsten Mitstreiter um Solidarität, wenigstens durch Wachbleiben und gemeinsames Beten für ihn – und sie schlafen ein. Sie versagen kläglich.
  • Angefangen hat der Abend mit einem Festmahl in einem angenehmen Ambiente. Er endet mit Finsternis und Kälte durch Verrat und Gefangennahme.

Mehr Enttäuschungen an einem Abend gehen wohl nicht!
Mit Blick auf eigene bedrückende Lebenserfahrungen ist einem Jesus womöglich gerade im Geschehen am Gründonnerstag sehr nahe!
Wer dieses für sich erkennt, angesichts dieser Feier die verwundeten Seiten des eigenen Lebens für sich aufdeckt, in dem mag sich Sehnsucht melden:
Sehnsucht nach Zuwendung, nach Bestätigung, nach Worten und Zeichen, die einen bestärken, die an das Wesentliche erinnern:
Nie und nimmer bist du wirklich allein!
nie und nimmer kannst du tatsächlich untergehen!

Wenn man so will, dann bieten die drei biblischen Lesungen dieses Abends auf überraschende Weise Angebote für genau solche Worte und Zeichen der Zusicherung, der Zuwendung, der Bestärkung.
Über Generationen hinweg ersehnen sich Menschen genau das von ihrem Gott:

Die alttestamentliche Lesung aus dem Buch Exodus erzählt weit mehr als eine Erklärung und eine Anweisung für das korrekte Begehen des Mahles am Paschafest, wie es über viele Jahrhunderte hinweg zu einer jüdischen Tradition wurde und in modifizierter Form als Seder-Feier bis auf den heutigen Tag gefeiert wird.
In dieser Erzählung verbirgt sich ein Angebot zur lebendigen Erinnerung:
„Begeht dieses Fest als Gedenktag!
Macht euch stets neu bewusst, was ich getan habe und tue!
Feiert ein Fest der Errettung aus Sklaverei und Unterdrückung!“
Genau danach sehnten und sehnen sich Menschen:
Ein Gott, der Freiheit für uns Menschen will und Rettung schenkt!
Das zu hören, daran wieder neu erinnert zu werden, kann so gut tun!

Die Lesung aus dem ersten Korintherbrief bietet die älteste biblische Überlieferung vom Geschehen im Abendmahlsaal.
Anknüpfend an das, was beim Paschafest gefeiert wird, gibt sich nun Jesus selber auf geheimnisvolle Weise als Opferlamm hin.
Er zeigt und deutet: In diesem Brot und in diesem Wein begegnet ihr mir – Jesus – selber; sind wir – ich und ihr – eins!
Und dann: „Tut dies […] zu meinem Gedächtnis! Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt!“
Wieder: Die Aufforderung, dieses zu tun, stets neu zu feiern – um sich an diese Zusicherung zu erinnern:
Er wird da sein!
Mit ihm ist inmitten unseres Lebens zu rechnen!

Schließlich das Evangelium von der Fußwaschung: Einen Liebesdienst vollzieht Jesus an seinen Freunden, die mit ihm essen und trinken wollen.
Das Füße-Waschen an sich ist keinesfalls anstößig, wohl aber, dass es Jesus, ihr Meister, an ihnen vollzieht. Stellvertretend für die Runde bringt Petrus den Protest zum Ausdruck.
Die Reaktion Jesu: Durch diesen Liebesdienst erhaltet ihr erst wirkliche Gemeinschaft mit mir, könnt ihr begreifen, um was es mir gegangen ist und zukünftig geht.
Deshalb: „Wenn ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen.
Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe!“
Es soll weitergehen mit diesem Verschenken und Empfangen von Liebe, im Dienen an der jeweils Nächsten und im Entgegennehmen der Zuwendung als der jeweils Nächste.
So bleibt die Gottesliebe, für die Jesus ganz und gar stand und steht, keine Floskel, so ist sie auf Dauer lebendig, inmitten der Gemeinde!

Worte und Zeichen die helfen zu erinnern, die bestärken, die einen neu versichern in dem, was man erhofft.

Vor dem Altar, dem Tisch, auf dem wir dann wieder das Liebesmahl Jesu feiern werden, liegt ein schwarzes Tuch.
Darauf umgestürzt der Osterleuchter. Jahr für Jahr erstrahlt neu auf ihm die Osterkerze.
Zu den Fürbitten werden Frauen aus der Gemeinde Osterkerzen der zurückliegenden Jahre nach vorn bringen:
Kerzen, die einst festlich von den göttlichen Zusagen des Lebens kündeten.

Wie oft schon haben wir hier Ostern gefeiert, wie oft in festlicher Stimmung das Halleluja gesungen als unsere Antwort auf die biblischen Botschaften vom Leben?

  • Aber: Wie oft sind wir auch ins Zweifeln geraten; konnten wir nicht entdecken, dass das eigene Leben, so wie es gerade läuft, von Gott gut geheißen werden könnte?
  • Wie häufig mussten wir schon niederdrückende Lebenssituationen bewältigen, trotz der Botschaft von der Aufrichtung durch Auferstehung?
  • Wie zahlreich sind die Momente, die uns in die Isolierung, ins Grübeln, in die Angst, in die Trauer führten?

Und dennoch: Wir lassen uns wieder ein auf die alten Erzählungen von unserem Gott.
Wir hören sie wieder neu, mit geschulter Aufmerksamkeit durch die konkreten Herausforderungen unseres Daseins, heute und hier.
Gerade angesichts unserer Enttäuschungen, Zweifel und großen Fragen ist Platz für die Sehnsucht nach Gott, sehnen wir uns nach seinen Zeichen und Worten, weil sie uns vielleicht doch helfen könnten…

 

Matthias Bambynek
Pfarrer in Bubenreuth