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Pfingsten 2011

Liebe Schwestern, liebe Brüder.

Es ist das Wort des Jahres 2010, die sprachliche Skizze eines gesellschaftlichen Phänomens, einer zu beobachtenden Haltung und Verhaltensweise unserer Zeit:

Der Wutbürger.

Der Begriff wurde in einem Essay von Dirk Kurbjuweit in einer SPIEGEL-Ausgabe im Herbst 2010 geprägt und beschrieben. Den Hintergrund dafür bilden zwei konkrete Situationen:

  • Zum einen ein Diskussionsabend in München, auf dem um die Thesen Thilo Sarrazins in seinem jüngst erschienen Buch heftig gestritten wurde. Die Gegner der Thesen Sarrazins auf dem Podium mussten sich vom gediegenen Münchner Bürgertum heftige, teils geschmacklose Feindseligkeiten anhören – so die Feststellung im Essay des SPIEGEL.
  • Zum anderen sind dies die heftigen Proteste gegen „Stuttgart 21“, die damals auf ihrem Höhepunkt waren. Nach Jahren der Planungsarbeiten strömen nun, da die ersten Baumaschinen anrollen sollen, Massen auf die Straßen und Plätze, und sie demonstrieren lautstark und eindrucksvoll dagegen.

In diesem Verhalten ortet Kurbjuweit in seinem Essay den Typus des Wutbürgers.

  • Der Wutbürger drückt deutlich vernehmbar seine Empörung angesichts bestimmter Entwicklungen und Situationen aus, mit denen er ganz und gar nicht zufrieden ist.
  • Er ist enttäuscht vom politischen Establishment.
  • Er hat ganz offensichtlich das Gefühl, an Entscheidungen nicht beteiligt zu sein.
  • So kommt es zum Protest.

In einer Vielzahl von Aktionen äußert sich der Wutbürger, z.B. bei der Abstimmung zur Schulreform in Hamburg, oder in diversen Bürgerentscheiden und Protestaktionen.

Hinter all der Unzufriedenheit und dem Unmut stehen Ängste:

  • die Angst vor Veränderungen,
  • die Angst, etwas zu verlieren,
  • die Angst, dass Neues an die Stelle von Gewohntem tritt.

Leider läuft manches im eigenen Umfeld ganz anders, als man es sich persönlich erdacht hat und wünscht!

Das alles kennen mehr oder weniger auch wir. Sowohl Unzufriedenheit und Unmut sind uns vertraut, als auch die Lust und das Bedürfnis, diese auszudrücken:

Z.B. dadurch,

  • dass wir stets und ständig und in epischer Breite über das reden, was schlecht läuft, was einen nervt – und so kann der Eindruck entstehen, das alles ganz und gar furchtbar ist.
  • Es gibt so etwas wie
  • die Lust am Klagen,
  • den Reiz am Dramatisieren,
  • den Hang, „Klatsch und Tratsch“ und Gerüchte zu verbreiten.

Der Wutbürger lebt manchmal sehr nah bei uns, gelegentlich sogar in uns!

Weil, ja, weil auch wir feststellen, dass manches im eigenen Umfeld leider ganz anders läuft, als man es sich persönlich erdacht hat und wünscht.

Diese Feststellung konnten auch die Apostel treffen, nachdem sie ihren Herrn, Freund und Meister Jesus am Kreuz haben sterben sehen: Manches mit ihm ist ganz und gar anders gelaufen, als sie es sich erdacht und gewünscht hatten.

  • Voller Begeisterung haben sie sich Jesus einst angeschlossen, als er durch die Lande zog.
  • Er hat sie mit seiner Art zu reden und zu handeln angesprochen.
  • Es hat sie fasziniert, wie er die Situation der Menschen erkannt und darauf reagiert hat.
  • Jesus war für viele ein charismatischer Führer, hinein in eine bessere Zukunft.
  • Mit ihm an der Seite könnte es vielleicht gelingen, die ungerechten und untragbaren politischen Zustände zu verändern:

Ein himmlisches Reich auf Erden, hier und jetzt, das wär‘s!

Für diesen Jesus haben sie nahezu alles auf eine Karte gesetzt, haben Haus und Hof, Familie und Beruf zurückgelassen. Sie sind ihm gefolgt und mit ihm gegangen, wurden seine Jünger, gehörten eindeutig erkennbar zu ihm und seinen Ideen.

Und dann: Verrat, Passion, Kreuzigung, Tod und Grab.

Jesus ist ganz offensichtlich gescheitert, mit ihm seine Ideen, mit ihm auch seine Jünger. Ratlosigkeit treibt diese um: Wie weiter? Sie haben Angst.

Fragen werden sie sich stellen in der beklemmenden Zeit nach Karfreitag. Dabei dürfte Unmut aufkommen. Vielleicht werden auch Vorwürfe laut: Warum hast du, Jesus, uns in die Irre geführt?

Womöglich überlegen sie, ob sie selber zu leichtgläubig und naiv waren: Sind sie einer Täuschung erlegen gewesen?

Neben die Resignation dürften Ärger und Wut treten: Warum nur? Das kann doch nicht wahr sein!

In unterschiedlichen Geschichten erzählt die Bibel nun kontrastreich von etwas Neuem. Was der Evangelist Johannes an einem Tag geschehen lässt, schildert Lukas in seinen zwei Büchern Evangelium und Apostelgeschichte verteilt auf fünfzig Tage:

Die Erfahrung, dass Jesus nicht im Tod bleibt, dass er neu lebt, und dass es mit ihm weiter geht. Und mit ihm auch mit der Botschaft vom Reich Gottes, für die er einst stand und für die er neu ersteht. Anders freilich ist es nun mit ihm: Zum Himmel, in die Weiten des Universums, wird er vor ihren Augen entrückt.

Und dann das:

Die Apostel und mit ihnen einige Frauen sind wieder beisammen, und der Geist Gottes kommt auf sie hernieder. Ein stürmisches und heißes Geschehen spielt sich in ihnen ab. Sie, die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu, lassen sich von diesem Geist innerlich aufbrechen zu einem neuen Aufbruch.

Geisterfüllt sind sie in der Lage, nicht nur untereinander sondern mit aller Welt zu reden, zu verkünden, was mit ihrem Jesu einst war und nun ist. Der Geist bewirkt, dass sie weitermachen, neu und anders. Ein Aufbruch spielt sich ab, bei dem sie mutig mit anpacken. Kapitellang erzählt die Apostelgeschichte davon, wie sich dieser Aufbruch fortsetzt. Die Resignation und die Wut in den Aposteln werden gewandelt in Mut zum Aufbruch.

Liebe Schwestern, liebe Brüder.

Wir feiern Pfingsten. Wir feiern dieses Herabkommen des Heiligen Geistes auf die Jüngergemeinde damals, nachdem 50 Tage österlichen Fragens und österlicher Ungewissheit verstrichen waren, 50 Tage, in denen sie mit Zweifel, Angst und vermutlich auch mit Wut zu kämpfen hatten.

Der Geist Gottes aber verändert sie, bricht sie auf zum Aufbruch.

Wir glauben und bekennen, dass auch uns – jeder und jedem von uns – in Taufe und Firmung Gottes Geist geschenkt wurde und wird, dass dieser Geist nicht als punktuelle Gabe auf uns herabfällt, sondern dass er stets und ständig in uns ist, dass er uns erfüllt und bewegen kann. Glauben wir das?

Pfingsten feiern könnte weit mehr sein als die Erinnerung an die anrührend geschilderte Begebenheit vom Pfingstereignis in der Apostelgeschichte. Pfingsten feiern ist auch Vergewisserung, dass dieser Geist Gottes in uns ist, dass er auch uns zum Aufbruch aufbrechen kann und will, so wie es uns in Taufe und Firmung verheißen wurde.

Trauen wir dem göttlichen Geist das zu?

Kann dieser Geist in uns tatsächlich etwas bewirken angesichts unserer Enttäuschungen, Verärgerungen, Unzufriedenheiten, Kränkungen und unserer Wut, weil eben in unserem Dasein und in unserem Umfeld manches ganz anders läuft, als wir es uns erdacht haben und wünschen?

Was vermag der Geist in uns, in Wutbürgern anzurichten?

Kann er auch uns aufbrechen zu einem Aufbruch?

Wird er uns womöglich vom Wut-Bürger zum Mut-Bürger machen?

Das wäre zumindest eine geniale und beachtenswerte Fortschreibung der Geschichte von Pfingsten damals, wenn wir – Christinnen und Christen heute – andere, geisterfülltere Antworten bieten würden, als das, was sonst so zu hören, zu sehen und zu erleben ist.

Nur Mut!

Gottes Geist ist in euch!

Pfarrer Matthias Bambynek

Pfarrei Maria Heimsuchung

Bubenreuth