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Karfreitag 2011

Predigt nach dem Hören der Johannespassion

Liebe Schwestern, liebe Brüder.

Die leere Krippe steht hier vorn auf der Stufe vor dem Altar.

Stimmungsmäßig ist das provozierend, denn die Krippe erinnert an Weihnachten.

In uns werden mit Blick auf die Krippe Empfindungen wachgerufen, die in der Regel sehr, sehr angenehm sind.

Die Krippe ist das Symbol für das Wunderbare, dass Gott in Jesus Mensch wird, in unserem Fleisch einer von uns.

Der ferne, rätselhafte und unnahbare Gott, dem man sich voll Furcht nähert, kommt uns Menschen in Jesus ganz nah.

Welch Glück für uns!
Kreuzverehrung

Welch Wunder, das da geschieht!

Welch göttliches Geschenk und Geheimnis zugleich!

 

Die Krippe ist leer, denn der Gottessohn in unserem menschlichen Fleisch macht sich auf den Weg, seinen Lebensweg, mit ganz menschlichen Situationen:

  • Misslich die Umstände am Beginn, denn Josef und Maria müssen mit Jesus nach Ägypten fliehen.
  • Später dann gibt es Probleme mit dem Zwölfjährigen, will er doch nicht bei seinen Eltern im Wallfahrtzug bleiben. Stattdessen zieht es ihn in den Tempel.
  • Jesus ist ein ganz normaler Heranwachsender. Er lebt, wie eben üblich. Er geht einem Beruf nach, er hat Freunde, er ist integriert ins Leben in Nazareth, nichts Außergewöhnliches eben.
  • Mit Ende Zwanzig aber fängt er an, besondere Akzente zu setzen.
  • Von Johannes lässt er sich im Jordan taufen – und das wird zum Signal für seine göttliche Sendung.
  • Er sammelt Gefolgsleute und mit ihnen zieht er durch die Lande.
  • Jesus predigt von der Liebe Gottes, davon, dass mit ihm das Himmelreich, Gottes Gerechtigkeit den Menschen nahe ist.

 

  • Er setzt Zeichen, wirkt Wunder, und so
  • macht er Kleine groß,
  • holt er die Leute am Rande in die Mitte,
  • gibt er den Bedürftigen, was sie zum Leben brauchen,
  • findet er aufbauende Worte, wo Niedergang ist,
  • schreitet er ein, wo menschenfeindliche Ungerechtigkeit herrscht,
  • rückt er Gott ins weite Licht, wo der göttliche Wille verengt wird,
  • ist er, der Gottessohn, unter den Menschen, wo niemand damit rechnet.

Viele finden das alles genial.

Sie sympathisieren mit ihm, unterstützen ihn, folgen ihm, wollen ganz und gar zu ihm gehören.

 

Aber:
Kinderkreuzweg Karfreitag

Jesus macht sich auch Feinde, gerade unter denen, die davon profitieren, dass das Altvertraute so läuft, wie sie läuft:

Kommt doch dieser Jesus daher und will dafür sorgen, dass die Ordnung der Welt durcheinander gerät!

Die Krippe ist leer, denn Jesus hat sich auf den Weg gemacht.

Der letzte Weg, den er geht – auf dem er sich schleppt – ist sein Leidensweg.

Passion.

 

Die Geschichte seiner Passion liest sich wie das Kompendium all der Abgründe, in die Menschen geraten können:

  • Es ist dieses Leiden, was ihm grundsätzlich aufgebürdet wird, so und nicht anders zu enden.
  • Es ist die Feindseligkeit, die ihm entgegenschlägt, purer Hass, mit dem er fertig werden muss.
  • Es sind da all die Schmerzen, hervorgerufen durch die Misshandlungen, die Last des Kreuzes auf dem Weg nach Golgatha, die Qual der Kreuzigung und das Hängen am Pfahl.
  • Es ist die Verlassenheit, die Jesu zu spüren bekommt. Er muss Verrat und Verleumdung mitmachen, genauso, dass fast alle das Weite suchen, als er in die Enge getrieben ist.
  • Es ist die Erniedrigung, die er erfährt, öffentlich gefoltert, nackt, zur Ansicht auf dem Berg ausgestellt.
  • Es ist der Kampf im Sterben, der ihn, den Gottessohn, Gott-Verlassenheit erfahren lässt.
  • Es ist der Tod, den er stirbt.

In all dem wurde und ist Gott in Jesus Mensch, einer von uns.

 

Es fällt schwer, das zusammen zu bringen:

Aber, das Kreuz ist offenbar die bittere Konsequenz dessen, was in der Krippe so heimelig begann.

Bis zum Äußersten nimmt Jesus sein Menschsein an.

Somit wird er einer von denen, die über all die Zeiten

  • ihrer menschlichen Züge beraubt wurden und werden,
  • die Erniedrigung erfahren haben und erfahren,
  • die man um ihre Lebenschancen brachte und bringt,
  • die leiden mussten und müssen.

…hier und anderswo, bis zum heutigen Tag.

„Seht, da ist der Mensch!“ – „Seht, welch ein Mensch!“ –

ruft Pilatus aus, als er den gegeißelten und dadurch furchtbar entstellten Jesus vor die Menschenmassen führt.

Pilatus zeigt auf ihn, wie er ganz und gar runtergekommen ist, all dessen beraubt, was wir „menschlich“ nennen.

Wozu das alles?

Die Krippe ist leer, auch das Kreuz wird leer geräumt.

Jesu letzter Aufschrei „Es ist vollbracht!“ ist nicht das allerletzte Wort, das er spricht, er, der Gottessohn, der einer von uns ist…

 

Gebet
Kinderkreuzweg Karfreitag

Gott.

Um uns Menschen nah zu sein,

und um uns die Erfahrung deiner treuen Liebe zu schenken,

ist dein Sohn einer von uns geworden.

Er hat unter uns Menschen gelebt,

und durch sein Reden und Handeln

dich in herausragender Weise erfahrbar gemacht.

Unbegreiflich, wohin sein Weg ihn führt:

Ins Leiden, in das Erleben von Hass,

in die Schmerzen, in die Verlassenheit,

in die Erniedrigung, ins Sterben, in den Tod.

In dieser Stunde schauen wir auf seinen Weg,

auf die Krippe, in der das alles begann,

und auf das Kreuz, an dem alles endet.

Vorerst.

Gott.

Lass uns tiefer verstehen,

wie unsagbar groß die Liebe ist, mit der du uns Menschen annimmst.

Amen.

 

Matthias Bambynek

Pfarrer in Bubenreuth

Karfreitag 2011