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Gründonnerstag 2011

Predigt zu Joh 13,1-15

Liebe Schwestern, liebe Brüder.

An letzten Abenden versucht man, Dinge auf den Punkt zu bringen:

  • Am letzten Abend einer Urlaubsreise sitzt man mit den anderen aus der Gruppe zusammen, und man schaut auf die vergangene gemeinsame Zeit zurück. Man versichert sich, dass man auch zukünftig in Kontakt bleiben will, dass man per Email Fotos austauschen wird, und dass es sicher eine weitere gemeinsame Reise geben soll, mit der man dann an das anknüpft, was gerade war. – Womöglich spricht man auch aus, wie dankbar man ist, die eine oder den anderen kennengelernt zu haben.
  • Am Vorabend des Wegfluges eines Kindes zu einem längeren Auslandsaufenthalt will man unbedingt noch einmal die wirklich wichtigen Dinge geklärt haben: Was geschehen soll, wenn etwas Unvorhersehbares eintritt; worauf sich wer verlassen kann; und was man bitte keinesfalls tun soll: „Denk bitte daran, dass…“ – beginnen die gut gemeinten Ermahnungen besorgter Eltern.
  • Sitzt man am Sterbebett eines lieben Menschen beim vielleicht letzten Besuch – angesichts einer schweren Erkrankung oder weil jemand am tatsächlichen Lebensabend angelangt ist – dann werden unter Umständen auch ganz und gar grundsätzliche Fragen thematisiert: Wie die Bestattung ablaufen soll; ein Konflikt kommt noch einmal zur Sprache mit der Bitte um Verzeihung für zugefügte Verletzungen – und es wird womöglich der sogenannte letzte Wille formuliert, der einem dann heilig ist.

Letzte Abende haben ein unerhörtes Gewicht.

 

Mit dem Vorzeichen eines letzten Abends ruft Jesus seine Jünger zu einer Feier der ganz besonderen Art zusammen.

Um sie herum ist der laute Trubel der Massen, die sich zum Paschafest in Jerusalem einfinden.

Jesus zieht sich mit seinen engsten Vertrauten zurück, inklusive Judas, um dessen sich anbahnenden Verrat Jesus offensichtlich weiß.

Er will mit seinen Jüngern allein sein.

Es ist der letzte Abend, an dem sie in dieser Form zusammen kommen können.

Jesus nutzt diese besondere Abendstunde, um Grundsätzliches aufzugreifen, sein Vermächtnis zu erklären, Einiges, für ihn ganz Wesentliches, für die Nachwelt zu sichern.

Und so kommt es dazu, dass er zwei Mal mit bedeutsamen Worten die Jünger und ihre Nachfolger auffordert, in seinem Namen und in der Erinnerung an ihn etwas fortzuführen:

„Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ – spricht Jesus zu den Seinen, nachdem er mit ihnen das Mahl, das letzte Abendmahl gefeiert hat. So haben wir es soeben aus der ältesten biblischen Überlieferung davon gehört, aus dem Brief, den der Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth schreibt.

Diese Aufforderung befolgen wir als Kirche Jesu Christi bis auf den heutigen Tag, Sonntag für Sonntag und auch an den Wochentagen, wenn wir zur Feier der Eucharistie zusammenkommen.

Der Evangelist Johannes nun berichtet von einem weiteren Geschehen an diesem gewichtigen letzten Abend:

Zur Überraschung aller wäscht Jesus seinen Freunden, den Jüngern – auch Judas – die Füße. Er geht damit in die Rolle eines Sklaven.

Das erregt heftigen Widerspruch. Petrus springt auf und protestiert.
Fußwaschung

Wenig später sagt Jesus:

„Wenn ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen.

Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“

 

Wir sollen einander die Füße waschen?!

Das kann Jesus ganz sicher nicht so konkret gemeint haben, eher in einem übertragenen Sinne, oder?!

Allein schon bei dem Gedanken daran, genau dies zu tun, sträubt es sich in vielen.

Anderen die Füße-Waschen:

  • Das bedeutet, in die Knie zu gehen, von unten her zum Anderen zu blicken.
  • Das bedeutet, sich mit dem Schmutz der Wege, der anhaftet, abzugeben.
  • Das bedeutet auch, die Rolle des üblichen Leitens, die gewohnte Rolle des Meister-Seins zu verlassen.

Die Füße-gewaschen-bekommen:

  • Das bedeutet, sich einem anderen auszusetzen.
  • Das bedeutet, an sich etwas vollziehen zu lassen, was man sonst ganz für sich allein erledigt. Es ist irgendwie peinlich.
  • Es bedeutet, Intimität zuzulassen.

Einander die Füße waschen, das ist in unseren Breiten und vor allem in unserer Zeit ganz und gar ungewöhnlich.

Das kann doch Jesus ganz sicher nicht so konkret gemeint haben!
Fußwaschung

Doch, ich bin überzeugt, dass er das ganz konkret so und noch viel, viel weitergehend gemeint hat:

Das, was mit Jesus in der Krippe im Stall von Bethlehem begann,

was sich über die Stationen seines Lebens fortsetzte,

was er verkündete, welche Zeichen er setzte,

wie er mit den Menschen in seinem Umfeld umging,

all das findet seine Fortsetzung und einen neuen Höhepunkt an diesem letzten Abend – beim letzten Abendmahl und in der Fußwaschung.

Zugleich ist es die Deutung dessen, was tags darauf mit ihm geschieht: Der Weg mit dem Kreuz zur Kreuzigung.

 

Seit dem Jahr 1955, in dem die Feier der Karwoche durch Papst Pius XII. neu geordnet wurde, wird die Fußwaschung als Ritus für die Gottesdienstfeier vom Letzten Abendmahl am Gründonnerstag empfohlen, auch für Pfarrkirchen.

Im Liturgieausschuss hier bei uns in Bubenreuth haben wir uns nach ausführlichen Gesprächen entschieden, in diesem Jahr die Fußwaschung in unserem Gründonnerstagsgottesdienst zu praktizieren.

Danke allen, die dies unterstützen.

Es sind keine zwölf Personen, die gleich hier vorn Platz nehmen,

es sind auch nicht ausschließlich Männer, denen ich die Füße waschen werde:

Ein Querschnitt von Gemeinde soll sich in unserer Gruppe abbilden, so wie unsere Gemeinde ist:

  • Frauen und Männer,
  • Jüngere, etwas Ältere und Betagte,
  • Gemeindeglieder mit unterschiedlicher Herkunft und Lebenssituation,
  • Alteingesessene und eher erst kurze Zeit hier Wohnende.

Es ist der Versuch, die Vielfalt, die bei uns in der Gemeinde zu finden ist, zu zeigen.

 

Es ist auch kein Nachspielen von dem, was damals war.

Vielmehr ist es der durchaus anstößige, provozierende, vielleicht auch peinlich berührende Versuch,

das in die Gegenwart zu bringen, was Jesus bei der Zusammenkunft an seinem letzten Abend auf diese Weise seinen Jüngern unmissverständlich einschärfen wollte:

  • Begegnet euch als Gemeinde in meinem Namen in dieser Haltung, in dieser Grundhaltung!
  • Seid bereit, voreinander in die Knie zu gehen und zu dienen.
  • Und seid genauso offen dafür, dass euch solche und andere Zeichen der Zuwendung geschenkt werden!

Mit der Fußwaschung sind wir dem, was Jesus grundsätzlich wollte, ganz nah.

In der Erfüllung seines Auftrages, in der Orientierung hin auf seine Grundhaltung, die sich in der Fußwaschung verbirgt, verfolgen wir als seine Gemeinde sein großes Anliegen, welches freilich in den Tagen, die diesem besonderen letzten Abend folgen, Fortsetzungen finden soll:

„Liebt einander, wie ich euch geliebt habe!“

 

Matthias Bambynek

Pfarrer in Bubenreuth

Gründonnerstag 2011