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„Wir feiern unseren Glauben“

Gemeinsamer Gottesdienst im Seelsorgebreich Erlangen Nord-Ost am Sonntag, 15.05.2011, um 10.30 Uhr, in der Pfarrkirche Maria Heimsuchung, Bubenreuth

4. Sonntag der Osterzeit (A)

Predigt zu Joh 10,1-10

In den zurückliegenden Tagen habe ich einige, denen ich begegnet bin, mit einer Frage überrascht: „Was würdest du dir wünschen, hättest du zwei Wünsche frei?“

Die Antworten waren ganz unterschiedlich:

  • Ein neuer Bulldog oder ein „i-pod“ wurden gewünscht.
  • Es gab den Wunsch, dass der Mathematik-Test gut laufen oder dass es mit dem Erreichen des Klassenzieles klappen möge.
  • Dann hieß es, die natürlichen Ressourcen auf der Erde sollten nicht so bald zur Neige gehen.
  • Ein Landwirt wünschte sich endlich Regen.
  • Ein Kind meinte, es hätte keinerlei Wünsche.
  • Ein Jugendlicher erbat sich seine Freundin herbei, um mit ihr an diesem Frühlingsabend spazieren gehen zu können,
  • und wieder ein anderer wollte, dass sich die räumliche Distanz zwischen ihm und seiner Partnerin auf wunderbare Weise auflösen möge.

Freilich: Es gab Menschen, da versagte ich mir aus Respekt vor der aktuellen Lebenssituation mein Fragen, weil ich wusste, dass sich ein bedrückendes Schicksal abspielt.

„Was würdest du dir wünschen, hättest du zwei Wünsche frei?“

Was mir in den verschiedenen Gesprächssituationen aufgefallen ist? Grundsätzlich überraschte meine Frage – und die Antworten waren allessamt interessant. Egal, wen und in welcher Situation ich ansprach, ich erlebte eine große Aufmerksamkeit. Es ist spannend zu erfahren, wonach sich ein anderer sehnt, was eine Bekannte als großen Wunsch in sich trägt.

So, wie ich mir Jesus vorstelle, hatte er offensichtlich ein hervorragendes Gespür genau für solche Gedanken, für die geheimen Sehnsüchte und Bedürfnisse der Menschen in seiner Zeit und in seiner Umgebung.

Er verstand es, diese aufzugreifen und darauf zu reagieren. Und genau damit, so meine Interpretation, hat das Evangelium dieses Sonntags zu tun. Die Menschen, die Jesus in den Blick nimmt, lebten in einer Epoche großer Ungewissheiten.

  • Ihr Dasein war geprägt von politischen Unsicherheiten und der Erfahrung gewaltsamer Auseinandersetzungen.
  • Real war auch die Erfahrung von Hunger.
  • Es gab die Tatsache bitterer Not, und dass sich nur wenige für Noteidende verantwortlich fühlten.
  • Streng waren die gesellschaftlichen Schranken gesetzt.
  • Viele hatten von Anfang an Pech – ohne die Chance der Veränderung.
  • Unzählige Heilsprediger boten ihre Versprechen an und buhlten um Anhängerschaft.
  • Manche sahen alsbald das Ende der Welt heraufziehen – unausweichlich.
  • Die allgemeine Stimmung war eher resignativ.

In diese Gemengelage nun tritt Jesu, fällt die Botschaft von ihm, so wie wir sie in der heutigen Begebenheit aus dem Johannesevangelium zu hören bekommen. Da gibt es auf der einen Seite düstere Bilder. Die Rede ist von Dieben und Räubern, die in einen Schafstall eindringen.

Die Schafe laufen vor fremden Eindringlingen davon, denn der Dieb kommt zum Stehlen, zum Schlachten und zum Vernichten. Explosive Formulierungen, angesichts einer realen gefährlichen Situation im Land, die Jesus da ausspricht und die der Evangelist notiert. Andererseits spricht Jesus vom vertrauten Hirten, der den Schafstall durch die Tür betritt. Ihm folgen die Schafe, weil sie ihn kennen. Jesus selber stellt sich den Menschen vor als dieser vertraute Hirt. Mit ihm lassen sich weite Weideflächen und Rettung finden.

Jesus von sich: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“

„Leben haben und es in Fülle haben!“

Vielleicht klangen diese Worte für die Menschen damals wie eine Antwort auf die Frage, was sie sich wünschen, wonach sie sich sehnen, was sie umtreibt.

Angesichts all der Nöte und Verwerfungen, der politischen und gesellschaftlichen Unsicherheiten, der ungewissen Zukunftsaussichten, ist dieses Angebot Jesu geradezu genial: Leben in Fülle.

  • Nur, was bedeutet diese Formulierung konkret?
  • Ist es einzig und allein die Vertröstung auf paradiesische Lebensrealitäten im Jenseits, im ewigen Leben, nach dem Tod?
  • Was bedeuten diese Worte Jesu für uns, die wir heute und hier einen gemeinsamen Gottesdienst im Seelsorgebereich, das anschließende Fest und „unseren Glauben feiern“, wie es auf den Plakaten und Liedheften heißt?

Ich bin davon überzeugt, dass die Zusage Jesu, durch ihn das Leben in Fülle zu haben, auch einen ganz und gar konkreten und sehr irdischen Bezug hat. Durch menschliches Verhalten und Agieren kann sich bereits im jeweiligen Hier und Jetzt etwas von dieser Verheißung realisieren. Die Vorstellung und der Anspruch war und ist ganz sicher, dass sich dieses Leben in Fülle zu allererst in der Gruppe um Jesus, inmitten der jeweiligen Jesus-Gemeinde verwirklichen lässt, und dass sie so für jede und jeden hautnah erfahrbar und zugleich für Außenstehende attraktiv wird.

Als eine Glaubensbotschaft steht dieses Jesuswort nun inmitten dieses Raumes, inmitten unserer Kirchen-, Gemeinde- und Lebenssituation: „Ich bin gekommen, damit sie/ damit wir das Leben haben und es in Fülle haben.“

Letztlich wird jede und jeder für sich diese Zusage mit eigenen Vorstellungen füllen müssen, die freilich gespeist sind aus den vielfältigen Worten und Zeichenhandlungen Jesu, die wir kennen. Ich kann ihnen an dieser Stelle lediglich meine Ideen vorstellen, als Glaubender, als Christ in dieser Zeit, als relativ junger Pfarrer hier an diesem Ort.

Für mich hat „Leben in Fülle“ sehr viel mit Aufleben, mit Durchatmen, mit Glücklich- und Erfülltsein zu tun. Daher bedeutet für mich „Leben in Fülle“ zunächst, dass ich inmitten von Gemeinde, inmitten von Kirche ich selber sein kann.

Ich muss mich nicht verstellen, in eine Rolle schlüpfen, anderen etwas vorspielen.

Ich bin ich:

Mit meinen Schwächen und Fehlern und genauso mit meinen Begabungen, Stärke und Charismen.

In unserer Mitte dirigiert nicht der Perfektionswahn unserer Zeit, genau so wenig muss ich Angst haben, dass man mir etwas neidet.

Leben in Fülle ist für mich ein nicht verzwecktes Leben, außer es geht um dieses gute Miteinander.

Die Verheißung Jesu wird somit auch zur Anfrage an unsere kirchlichen Intentionen und Ziele.

  • Worum geht es uns?
  • Was streben wir an?

Wenn jemand zu uns stößt, sollte sie oder er nicht befürchten müssen, dass man ihn einfangen und verzwecken will, weil mein ihn irgendwie für irgendetwas braucht. Wir kommen zusammen, weil uns eine Sehnsucht treibt. Das steht vor allem anderen!

Und: Leben in Fülle ist ein Leben, in dem sich Gerechtigkeit radikal verwirklicht, in dem Gerechtigkeit absoluten Trumpf hat.

  • Da gelten die Benachteiligten mehr als nur „etwas“, nämlich genauso viel wie die Privilegierten.
  • Da werden Ungerechtigkeiten benannt und nicht totgeschwiegen.
  • Da fasst man mit Sensibilität die heißen Eisen an.
  • Da zählen die Überfrommen genauso wie die Zweifler und die Abweichler,
  • die Wohlsituierten genauso wie die armen Tröpfe.

Und da wird mit offenen Karten gespielt und nicht eigenes Wissen machtvoll eingesetzt.

Letztendlich zeichnet sich das Leben in Fülle vor allem dadurch aus, dass wir als Glaubensgemeinschaft miteinander eine Hoffnung teilen.

  • Wir leben mit und aus dieser Hoffnung und stellen so einen Gegenentwurf dar zu vielem, was sonst um uns herum geredet und gemacht wird:
  • Wir haben den Mut, uns zu einem Geheimnis, zu Gott zu bekennen.
  • Wir haben den Mut, dass die Realitäten – Geld, Erfolg, öffentliche Anerkennung und und und – nicht alles und schon gar nicht das Letzte sind, was zählt.
  • Ja, wir haben den Mut zu glauben, dass es weit mehr gibt und geben wird, als das, was wir jetzt und hier kennen.

Es ist für mich eine befreiende Vorstellung:

Wir stehen aufrichtig dazu und man nimmt genau das von uns wahr:

  • nicht nur den Mangel an Geld und Personal,
  • nicht nur die Skandale,und nicht nur die leider auch anzutreffenden Absurditäten im Erscheinungsbild von Kirche: museal und zeitentrückt.

Nein. Wir stehen mitten in diesem Leben und haben für dieses Leben eine ernstzunehmende Perspektive zu bieten.

„Was würdest du dir wünschen, hättest du zwei Wünsche frei?“

Ehrlich? Ich habe ganz persönlich sogar mehr als zwei offene Wünsche.

Eines aber wünsche ich mir ganz sicher:

Dass in unserer Kirche und in unseren Gemeinden von dem verheißenen „Leben in Fülle“ viel mitzubekommen ist, weit mehr als jetzt. Ich weiß, wir haben längst nicht alles, vermutlich nur wenig in der Hand – aber das, was wir anpacken können, das wagen wir!

Matthias Bambynek

Pfarrer in Bubenreuth